Es gibt so viele Entscheidungen, die wir ganz nebenbei treffen. Kaffee oder Tee. Schwarze oder blaue Hose. Jetzt antworten oder später.
Und dann gibt es diese ganz anderen Entscheidungen.
Bleibe ich in diesem Job? Sage ich endlich, was mich nervt? Nehme ich das Angebot an? Gehe ich oder halte ich noch ein bisschen länger durch?
Bei diesen Fragen passiert in meinem Kopf gern Folgendes: Morgens bin ich sicher, dass A richtig ist. Mittags spricht plötzlich alles für B. Abends kann ich dann gar nicht mehr nachvollziehen, warum B überhaupt jemals eine Option war.
Das ist ziemlich anstrengend. Vor allem, weil man irgendwann glaubt, die eigene Unentschlossenheit sei das eigentliche Problem.
Inzwischen glaube ich, dass uns oft gar nicht die Antwort fehlt. Wir mögen nur nicht, was nach der Antwort kommt.
„Ich weiß nicht, was ich will“ stimmt nicht immer
Manchmal wissen wir wirklich nicht, was wir wollen. Dann fehlen Informationen, Erfahrungen oder eine klare Vorstellung davon, was überhaupt möglich ist.
Aber manchmal ist die Sache ziemlich eindeutig.
Du weißt, dass du in deinem Job nicht mehr glücklich bist. Du weißt nur noch nicht, ob du die Unsicherheit einer Kündigung wirklich aushältst.
Du spürst, dass dir eine Verbindung nicht guttut. Du möchtest aber nicht diejenige sein, die eine Grenze setzt und damit etwas verändert.
Du hast richtig Lust auf ein eigenes Projekt. Gleichzeitig weißt du, dass du dich damit zeigen müsstest. Und Sichtbarkeit bedeutet eben auch, dass jemand eine Meinung dazu haben könnte.
Das klingt und fühlt sich nach Unklarheit an. In Wahrheit geht es aber häufig eher um die Angst vor den Folgen. Die Entscheidung selbst wäre vielleicht schnell getroffen. Wenn da nicht all das wäre, was anschließend passieren könnte.
Dann beginnt das Gedankenkarussel. Plötzlich brauchen wir noch eine Meinung, noch einen Podcast, noch ein Zeichen und am besten eine richtige Garantie dafür, dass am Ende alles gut wird.
Die gibt es nur leider nicht.
Mein Bauch ist meistens schneller als mein Kopf
Ich bin grundsätzlich ein Mensch, der viel über das Bauchgefühl entscheidet. Oft weiß ich ziemlich schnell, ob etwas für mich passt. Das bedeutet aber nicht, dass ich immer sofort losrenne. Bei Entscheidungen, die sich nicht einfach zurücknehmen lassen, gebe ich mir inzwischen bewusst Zeit. Eine teure Anschaffung macht man nicht mal eben zwischen zwei Terminen. Und bei wichtigen Personalentscheidungen ist so ein spontanes „Das passt schon.“ ebenfalls keine besonders gute Strategie.
Trotzdem ist diese erste spontane Reaktion für mich wichtig.
Wie fühlt es sich an, wenn ich an eine Möglichkeit denke? Weit oder spüre ich eher Druck? Freue ich mich, obwohl ich gleichzeitig Respekt habe, oder versuche ich mir etwas mit sehr vielen vernünftigen Argumenten schönzureden?
Mein Körper ist an solchen Stellen häufig ehrlicher als mein Kopf. Der Kopf kann ganz toll begründen, warum etwas eigentlich funktionieren müsste. Er kann Risiken berechnen, Listen führen und sich stundenlang selbst beschäftigen. Er kann allerdings auch Angst ziemlich überzeugend als Vernunft verkleiden.
Ich möchte deshalb wissen: Was passiert in mir, wenn ich mir die Entscheidung wirklich vorstelle? Angenommen, ich hätte gerade Ja gesagt. Wie fühlt sich das an? Und angenommen, ich hätte abgesagt. Was macht dieser Gedanke mit mir?
Die Macht der Nacht
Ich halte nicht viel davon, Entscheidungen endlos vor sich herzuschieben. Und dennoch muss nicht alles sofort entschieden werden.
Es gibt Situationen, in denen eine Nacht wirklich etwas verändert. Nicht, weil sich über Nacht wirklich etwas verändert, sondern weil es etwas leiser wird. Der Druck fällt ab. Die Begeisterung legt sich ein bisschen. Die Angst sitzt nicht mehr am Steuer.
Dann merkt man häufig besser, was übrig bleibt.
Ich finde es deshalb völlig legitim, sich Zeit einzuräumen. Nur sollte diese Zeit einen Rahmen haben. Denn ohne Rahmen kann Nachdenken zur perfekten Entscheidungsstrategie werden. Mit einem klaren Zeitpunkt bleibe ich verantwortlich.
Denn wer nie entscheidet, entscheidet am Ende trotzdem. Nur eben nicht unbedingt selbst.
Das Angebot ist weg. Jemand anderes hat den Platz bekommen. Die andere Person zieht ihre Konsequenzen. Die eigene Kraft reiht irgendwann nicht mehr.
Dann sagen wir gern so etwas wie: „Jetzt hatte ich ja keine Wahl mehr.“ Doch häufig hatten wir vorher sehr lang eine.
Ratschläge sind manchmal nur ein Test
Wenn ich unsicher bin, frage ich auch andere Menschen nach ihrer Meinung. Das kann ausgesprochen hilfreich sein. Vor allem dann, wenn die andere Person anders denkt als ich.
Jemand, der genauso tickt wie ich, bestätigt wahrscheinlich nur das, was ich ohnehin schon sehe. Ein Mensch mit einer anderen Art zu entscheiden kann mir dagegen einen Punkt zeigen, den ich übergangen oder sogar übersehen habe.
Spannend wird es dann, wenn ich eine Antwort bekomme, die mir nicht gefällt. Dann werde ich entweder ruhig und ich merke: Da ist etwas dran. Oder ich gehe direkt in den Widerstand.
Auch dieser Widerstand sagt etwas. Ich verteidige damit vielleicht gerade die Entscheidung, die ich innerlich längst getroffen habe. Oder aber mein Gegenüber berührt genau die Stelle, vor der ich mich drücke.
Ich kenne beides.
Was ich wirklich schwierig finde, sind ungefragte Ratschläge oder Urteile.
„Das hätte ich nicht gemacht.“ „Das ist nicht richtig.“ „Vorher sah es besser aus.“
Danke. Für nix.
Eine Meinung ist kein Fakt. Und nur, weil jemand in einer ähnlichen Situation etwas Bestimmtes erlebt hat, bedeutet das nicht, dass für mich dieselbe Entscheidung richtig ist.
Hilfreich klingt anders. Zum Beispiel: „Ich war mal in einer ähnlichen Lage. Möchtest du hören, was mir damals geholfen hat?“ Dann kann ich Ja oder Nein sagen. Und ich bleibe diejenige, um deren Leben es gerade geht.
Wenn jemand Druck macht, werde ich misstrauisch
„Nur heute bekommst du 50 Prozent Rabatt.“
„Du musst dich jetzt entscheiden. Morgen ist das Angebot weg.“
Solche Sätze haben bei mir inzwischen den Effekt, dass ich nicht schneller werde, sondern biestig.
Klar gibt es echte Fristen. Ein Unternehmen kann eine Stelle nicht monatelang freihalten. Ein bestimmtes Auto steht vielleicht nicht mehr da, wenn ich mich erst in drei Wochen entscheide. Manche Dinge sind zeitlich begrenzt.
Das ist etwas anderes als künstlicher Druck. Wenn jemand unbedingt möchte, dass ich mich sofort entscheide, frage ich mich immer, wem diese Eile gerade dient.
In der Vergangenheit habe ich mich von solchen Situationen durchaus schonmal mitreißen lassen. Das war nicht besonders schlau, und auch die Folgen waren unangenehm. Immerhin habe ich dadurch gelernt, bei zeitlichem Druck genauer hinzuschauen.
Passt dieses Angebot wirklich zu mir? Oder habe ich nur Angst, den Rabatt zu verlieren?
Bin ich überzeugt? Oder möchte ich nicht die Einzige sein, die Nein sagt?
Würde ich dieselbe Entscheidung treffen, wenn das Angebot nächste Woche noch genauso verfügbar wäre?
Wenn das einzige überzeugende Argument der Preisnachlass ist, fehlt vermutlich ein anderes Argument.
Bleiben ist auch eine Entscheidung
Es gibt ja Menschen, die erzählen über Jahre hinweg, wie unglücklich sie in ihrem Job sind.
Jeden Montag ist alles furchtbar. Der Chef ist unmöglich, die Aufgaben sinnlos, die Arbeitszeiten passen nicht, die Kolleginnen sind unmöglich.
Darüber darf man ja sprechen. Auch mehr als ein Mal. Manchmal braucht es Zeit, bis jemand wirklich bereit ist, etwas zu verändern. Es gibt finanzielle Verpflichtungen, Familie, Angst und Phasen, in denen schlicht die Kraft fehlt.
Dafür habe ich Verständnis.
Womit ich mir aber schwertue: immer wieder dieselben Gespräche zu führen, dieselben Tipps zu geben und immer wieder zu hören, dass nun wirklich etwas passieren wird. Nur damit beim nächsten Mal wieder alles von vorne beginnt.
Irgendwann ist dann bei mir ein Punkt erreicht, an dem ich sage: Du darfst bleiben. Aber dann erkenne bitte an, dass das auch deine Entscheidung ist. Bleiben ist ja durchaus eine Option und völlig in Ordnung.
Was für mich nicht funktioniert: so zu tun, als hätte man selbst überhaupt keinen Einfluss, während man gleichzeitig jeden Tag dieselbe Wahl wiederholt.
Das klingt vielleicht hart. Das ist für mich aber genau der Punkt, an dem echte Selbstführung beginnt. Es muss nicht die perfekte Lösung sein. Es muss die Bereitschaft sein, die eigene Entscheidung als eigene Entscheidung anzuerkennen.
War die Entscheidung falsch?
Ich habe mich schon oft gefragt, ob es überhaupt falsche Entscheidungen gibt.
Es gibt sicherlich Entscheidungen mit unangenehmen Folgen. Es gibt Dinge, die ich heute nicht noch einmal so machen würde. Es gibt Wege, bei denen ich rückblickend sagen kann, dass das zu teuer, unnötig oder ziemlich schmerzhaft war.
Ich habe damals nicht mit meinem heutigen Wissen entschieden. Ich habe mit dem entschieden, was mir zu diesem Zeitpunkt zur Verfügung stand. Mit meinem damaligen Wissen, mit meiner damaligen Erfahrung. Mit meinem damaligen Mut, aber auch mit meiner damaligen Angst.
Es bringt nichts, mich Jahre später dafür zu beschimpfen oder mich darüber zu ärgern. Ich wusste es nicht besser, habe Warnzeichen übersehen, dachte ich müsste vernünftiger sein, wollte gefallen oder habe mir selbst noch nicht genug vertraut.
Das kann ich heute erkennen.
Manchmal erfahre ich auf einem Weg, den ich heute nicht mehr wählen würde, etwas, das ich sonst nie gelernt hätte. Vielleicht erkenne ich, was mir gefehlt hat, oder ich spüre eine Grenze. Vielleicht stelle ich auch fest, dass ich mehr aushalte, als ich dachte.
Auch eine stimmige Entscheidung kann wehtun
Ich mag den Gedanken nicht, dass richtige Entscheidungen sich automatisch gut oder leicht anfühlen. Manchmal tun sie weh.
Eine Kündigung kann richtig sein und trotzdem Angst machen. Eine Trennung kann notwendig sein und trotzdem traurig. Ein Nein kann längst überfällig sein und trotzdem Schuldgefühle auslösen.
Stimmig bedeutet nicht angenehm.
Es bedeutet für mich eher, dass ich weiß, warum ich das tue. Ich erkenne die Konsequenzen. Und ich bin bereit, meinen nächsten Schritt nicht wieder jemand anderem in die Schuhe zu schieben.
Mehr Sicherheit gibt es häufig nicht. Wir können abwägen. Wir können nachfragen. Wir können schlafen, fühlen und nachdenken.
Und irgendwann müssen wir entscheiden.
Vielleicht weißt du längst, was du willst. Vielleicht wartest du nur noch darauf, dass sich die Konsequenz weniger unbequem anfühlt.
Darauf würde ich nicht unbedingt setzen.
Fünf wichtige Fragen über Entscheidungen
1. Woher weiß ich, ob ich die Antwort längst kenne?
Stell dir die Möglichkeiten so konkret wie möglich vor. Achte nicht nur auf Argumente, sondern auch darauf, bei welchem Gedanken du innerlich ruhiger wirst oder sofort in die Verteidigung gehst.
2. Ist das Bauchgefühl immer richtig?
Nein, denn auch Angst, alte Erfahrungen und spontane Begeisterung können sich wie ein starkes Gefühl anfühlen. Das Bauchgefühl ist ein wichtiger Hinweis. Bei weitreichenden Entscheidungen würde ich aber auch immer empfehlen, noch einen Faktencheck zu machen.
3. Wie lange darf ich mit einer Entscheidung warten?
So lange, wie du noch wirklich etwas klärst. Sobald du nur noch dieselben Gedanken wiederholst, hilft meist eine selbst gesetzte Frist mehr als eine weitere Runde Grübeln.
4. Was mache ich, wenn andere mich zu einer schnellen Entscheidung drängen?
Prüfe, ob es eine nachvollziehbare Frist gibt oder jemand vor allem sein eigenes Ziel verfolgt. Du darfst sagen, dass du noch Zeit brauchst, auch wenn das bedeutet, auf ein Angebot zu verzichten.
5. Was hilft, wenn ich eine Entscheidung bereue?
Beurteile dein damaliges Ich nicht nur mit deinem heutigen Wissen. Schau ehrlich darauf, was du übersehen hast, nimm das Learning mit und triff auf dieser Grundlage eine neue Entscheidung.