Gedanken zum CSD, Allyship und der Frage, wer eigentlich laut sein darf.
Ich war auf dem CSD in Köln. Wie schon häufig zuvor. Ich liebe diese Energie.
Köln war bunt, laut, voll und wild. Aber vor allem war Köln für einen Moment der Ort, dan dem man spüren konnte, wie schön Menschen sind, wenn man sie nicht zuerst bewertet.
Wenn man nicht sofort fragt: Passt das? Gehört sich das? Ist das normal? Ist das richtig? Wenn man einfach hinschaut und denkt: Wow! So viele Menschen. So viele Geschichten. So viel Leben. Ganz ehrlich, das macht mich immer ein wenig ehrfürchtig.
Ich konnte beim CSD wieder spüren, dass wir alle so unterschiedlich sind. Wir sind aber nicht schön, obwohl wir unterschiedlich sind. Wir sind schön, WEIL wir unterschiedlich sind.
Jedenfalls dann, wenn man mit dem Herzen auf die Welt schaut.
Wenn nach dem bunten Gefühl eine Diskussion aufkommt
Nach dem CSD habe ich Beiträge und Kommentare gesehen, in denen es unter anderem darum ging, dass sich sogenannte Allies auf dem CSD zu sehr in den Vordergrund stellen würden. Also Menschen, die selbst nicht queer sind, aber die LGBTQIA+-Community unterstützen.
Dieser Gedanke hat mich beschäftigt. Denn mich könnte man auch als Ally bezeichnen.
Ich bin heterosexuell, verheiratet und lebe mit Mann und Kindern ein recht klassisches Familienmodell. Und gleichzeitig ist mir völlig klar, dass Liebe einfach Liebe ist. Menschen dürfen sein, wie sie sind. Und meine Kinder wachsen mit dem Gedanken auf, dass nicht alle Lebensentwürfe gleich aussehen müssen und dass genau das kein Problem darstellt. Ich möchte, dass sie auf Menschen schauen und nicht zuerst auf Schubladen oder Labels.
Darf ich nur laut sein, wenn ich selbst betroffen bin?
Allgemeine Frage: Darf ich nur für etwas einstehen, wenn ich selbst unmittelbar davon betroffen bin? Oder bin ich nicht gerade auch dann Teil einer Sache, wenn ich sie mittrage, obwohl ich selbst ziemlich leicht wegsehen könnte?
Klar weiß ich, dass es einen Unterschied macht, ob ich selbst betroffen bin oder ob ich unterstützend danebenstehe. Ich werde es vermutlich auch nie wissen, wie es sich anfühlt, wegen der eigenen sexuellen Orientierung, Identität oder Lebensweise ausgegrenzt, bedroht oder abgewertet zu werden.
Für mich bedeutet Unterstützung aber nicht, dass ich so tue, als hätte ich dieselbe Erfahrung gemacht. Unterstützung heißt für mich: Ich stelle mich dazu.
Ich stehe mit auf der Straße. Ich halte mit aus. Ich widerspreche, wenn am Esstisch abgewertet wird. Ich erziehe meine Kinder nicht in Angst vo Anderssein. Und ich feiere nicht nur den Regenbogen, wenn gerade CSD ist, sondern versuche auch im Alltag nicht wegzusehen.
Sichtbarkeit ist immer gleich Selbstdarstellung
Ja, natürlich gibt es auch die andere Seite. Es gibt Menschen, Marken, Unternehmen oder Persönlichkeiten, die Pride nutzen, weil es Reichweite bringt, gut aussieht und weil ein Regenbogen im Juni leichter ist als echte Haltung das ganze Jahr durch.
Das darf man meiner Meinung nach durchaus kritisieren. Muss man wahrscheinlich sogar.
Ich finde aber, dass nicht jede Sichtbarkeit automatisch auch Selbstdarstellung ist. Und nicht jede Unterstützung ist gleich eine Vereinnahmung. Und damit ist auch nicht alles, was laut ist gleich falsch.
Bewegungen brauchen auch Menschen, die mitlaufen, mitsprechen, mittragen und auch mit sichtbar werden. Vielleicht nicht als Hauptfigur, aber als Verstärkung.
Darf ich als Ally sichtbar sein?
Das ist vielleicht gar nicht die entscheidende Frage. Die viel bessere Frage für mich ist eher: Wofür nutze ich meine Sichtbarkeit? Will ich mich selbst damit größer machen? Oder nutze ich sie, um etwas zu unterstützen, was größer ist als ich?
Will ich nur den Applaus für meine Toleranz oder bin ich auch bereit Haltung zu zeigen, wenn es unbequem wird? Für mich ist die Haltung, mit der jemand auftaucht, das Entscheidende.
Und diese Haltung ist nach außen oft nicht direkt erkennbar, ohne mich mit dem betreffenden Menschen persönlich auseinandergesetzt zu haben. Oft kann ich doch nur erahnen, was der Beweggrund für jemanden ist, etwas zu tun. Und diese Ahnung „bastle“ ich mir aufgrund meiner eigenen Wahrnehmung, Gedanken oder vielleicht Vorurteile.
Deshalb stelle ich die vielleicht etwas provokante Frage: Wer sind wir, um beurteilen zu können, warum jemand etwas macht oder etwas sein lässt oder sich auf eine bestimmte Weise verhält?
Gemeinsam für die gleiche Sache
Ich finde es schade, wenn Menschen, die eigentlich für die gleiche Sache einstehen, am Ende wieder gegeneinander aufgerechnet werden.
Gleichberechtigung ist doch keine exklusive Veranstaltung?! Menschenrechte gehen alle an. Freiheit geht alle an. Würde geht alle an. Und Liebe geht auch alle an.
Und ja: Wer nicht selbst betroffen ist, sollte sensibel bleiben, zuhören, nicht erklären, wie sich etwas anzufühlen hat. Und sollte auch nicht den Raum nehmen, der anderen gehört.
Aber Unterstützung grundsätzlich kritisch zu beäugen, nur weil sie „von außen“ kommt, finde ich schwierig. Veränderung entsteht doch selten nur durch die, die betroffen sind. Sie entsteht auch dadurch, dass Menschen, die bequemer schweigen könnten, es eben nicht tun.
Wir dürfen genauer hinschauen
Ich wünsche mir eine Welt, in der wir weniger danach suchen, wo jemand vielleicht nicht perfekt genug unterstützt. Ich wünsche mir, dass wir danach schauen, was passiert, wenn Menschen für andere einstehen.
Nicht jede Regenbogenflagge ist vielleicht automatisch echte Haltung. Aber nicht jede laute oder sichtbare Unterstützung ist automatisch falsch.
Wir dürfen genauer hinschauen. Mit Kritik, ja. Aber bitte auch mit Herz.