Warum Generationen-Bashing nicht hilft und warum Ausbildung heute Klarheit, Beziehung und echte Führung braucht.
„Die Azubis von heute sind einfach nicht mehr belastbar.“
„Die wollen alle nichts mehr leisten.“
„Also früher hätten wir uns das nicht erlaubt.“
Solche Sätze sind bestimmt niemandem gänzlich unbekannt. Ich selbst höre sie in Betrieben, in Gesprächen und auf Social Media sowieso.
Und mal ganz unter uns: Ich finde dieses Generationen-Bashing wirklich schwierig.
Ich weiß, dass in der Ausbildung gerade sicherlich nicht alles super und easy ist, sondern das Gegenteil ist der Fall. Ich sehe sehr deutlich, dass viele Betriebe an ihre Grenzen kommen. Junge Menschen melden sich nicht zurück, Bewerbungen sind manchmal wirklich sehr fragwürdig, die Kontaktaufnahme läuft ins Leere, Gespräche werden vermieden, Kritik wird ganz schnell persönlich genommen, usw. Da entsteht schon manchmal der Eindruck: Sobald es irgendwie anstrengend werden könnte, wird ausgewichen.
Aber daraus jetzt zu machen: „Die jungen Leute sind alle faul“, ist mir zu billig. Genauso wie: „Die Boomer sind alle toxisch“. Oder: „Millenials sind alle überfordert.“ Oder: „Gen Z kann gar nichts mehr ab.“.
Das sind alles Schubladen. Und Schubladen helfen in Führung selten weiter.
Der Ausbildungsmarkt bleibt angespannt – aber nicht nur wegen „der Jugend“
Dass Ausbildung gerade eine echte Herausforderung sein kann, ist kein Gefühl einzelner Betriebe.
Das Bundesinstitut für Berufsbildung meldete für 2025 rund 476.000 neu abgeschlossene Ausbildungsverträge. Das waren 2,1 Prozent weniger als im Vorjahr. Und gleichzeitig ist auch das Angebot an Ausbildungsplätzen insgesamt deutlich zurückgegangen.
Auch das Institut für Arbeitsmarkt -und Berufsorschung beschreibt den Ausbildungsmarkt als weiterhin krisenhaft. Besonders betroffen sind unter anderem sehr kleine Betriebe und das Baugewerbe. Also genau die Bereiche, in denen Ausbildung oft sehr direkt, praktisch, körperlich und persönlich ist.
Die Lage ist schwierig, was aber nicht automatisch bedeutet, dass die jungen Menschen das Problem sind. Vielmehr bedeutet es, dass wir genauer hinschauen müssen.
Wir sollten uns die Frage stellen, was junge Menschen heute brauichen, um in Ausbildung gut anzukommen. Ich finde es wichtig herauszufinden, was Betriebe brauchen, um gut ausbilden zu können. Und wir sollten beleuchten was Führung bedeutet, wenn junge Menschen nicht mehr einfach funktionieren, nur weil jemand sagt: „Das macht man halt so.“
Ausbildung ist heute weitaus mehr als die Weitergabe von Fachwissen
Ich habe 15 Jahre in einer Berufsschule gearbeitet. Und ich führe heute selbst einen Ausbildungsbetrieb mit durchschnittlich 2 Azubis pro Lehrjahr.
Dadurch kenne ich beide Seiten: Auszubildende im System Schule und junge Menschen im echten betrieblichen Alltag. Eines ist für mich klar: Es reicht nicht mehr, Azubis einfach nur mitzuschicken, laufen zu lassen, herumzukommandieren und zu erwarten, dass sie schon irgendwie verstehen, was Arbeit bedeutet.
Vielleicht hat das ja früher besser funktioniert. Zumindest wurde es weniger hinterfragt.
Junge Menschen brauchen Orientierung. Viel mehr Orientierung, als sie oft nach außen zeigen. Nach außen wirken viele nämlich recht selbstbewusst, lässig oder sogar desinteressiert. Innerlich ist aber häufig viel Unsicherheit da:
- Was darf ich fragen?
- Wann nerve ich?
- Was wird von mir erwartet?
- Was soll ich nur mit meinem Ausbilder oder mit meinen Kollegen reden?
- Was passiert, wenn ich was falsch mache?
- Bin ich hier wirklich im richtigen Job?
- Kann ich das überhaupt?
- Was heißt eigentlich Verantwortung?
Das sind keine kleinen, sondern ziemlich große Entwicklungsfragen. Und Ausbildung ist oft der Ort, an dem solche Fragen sichtbar und relevant werden.
Azubis sind nicht faul, aber oft recht ungeübt in Verantwortung
Ich glaube ja nicht, dass Azubis per se faul sind. Sie haben durchaus Antrieb und Motivation, Interesse und Ehrgeiz, aber vielleicht nicht da, wo wir sie gerne hätten.
Vielmehr erlebe ich, dass junge Menschen oft wenig Übung darin haben, Verantwortung wirklich zu übernehmen. Und das meine ich jetzt nicht als Vorwurf, sondern eher als Feststellung.
Verantwortung lernt man durch Erfahrung, Fehler, Konsequenzen, durch Reibung und Situationen, in denen man merkt: Ah, meine Entscheidung und mein Handeln haben eine Wirkung.
Positiv wie negativ.
Wenn Kinder und Jugendliche früh lernen, dass Erwachsene ihnen alle Hindernisse aus dem Weg räumen, entsteht erst einmal ein schönes Gefühl von Sicherheit. Aber diese Sicherheit bringt auch mit sich, dass ganz elemantare Lernfelder kleiner werden oder gar nicht möglich sind.
Was passiert, wenn ich etwas vergesse? Was passiert, wenn ich mich nicht vorbereite? Was passiert, wenn ich unzuverlässig bin? Was passiert, wenn ich eine unangenehme Situation aushalten muss?
Das sind alles keine grausamen Lektionen, sondern echte Lebenskompetenzen.
Wenn junge Menschen diese Erfahrungen in ihrer Kindheit und Jugend kaum machen, prallen sie im Berufleben plötzlich auf Anforderungen, die sich richtig hart und schlimm anfühlen: Pünktklichkeit, Verbindlichkeit, Kritik, Grenzen, Pflichten, Konseqzuenzen, Durchhalten, auch wenn es gerade mal keinen Spaß macht.
Dann kann ein normaler Ausbildungslltag wirklich schnell als extrem belastend erlebt werden. Nicht, weil der Betrieb, der Chef oder der Ausbilder so unglaublich toxisch sind, sondern weil Arbeit auch eben ein Stück weit Zumutung ist und nicht nur Selbstverwirklichung.
Ghosting als Konfliktvermeidung
Nicht nur im privaten Kontext, sondern auch in Betrieben wird immer mehr geghosted.
Jemand bewirbt sich, du nimmst Kontakt auf, und dann meldet sich keiner mehr Du hast mit Jemandem ein Bewerbungsgespräch vereinbat und er oder sie erscheint dann nicht. Keine Absage, nix. Ein Azubi startet seine Ausbildung und taucht dann plötzlich komplett ab. Oder nach einer kritischen Situation kommt keine Rückmeldung mehr.
Das ist für Betriebe unglaublich frustrierend. Und ja, es ist auch nicht in Ordnung. Mit Wut und Frust kommen wir allerdings nicht weiter, wenn wir verstehen wollen, was dahinter liegt.
Ghosting ist ganz oft Konfliktvermeidung. Mit Ghosting kann das unangenehme Gespräch umgangen werden, die Scham vermieden werden, die Konfrontation muss nicht ausgehalten werden. Statt zu sagen: „Ich habe mich anders entschieden“ oder „Ich fühle mich überfordert“ oder „Ich habe Mist gebaut“ wird die Verbindung abgebrochen und die Situation ignoriert.
Das ist unreif. Und genau deshalb wird es dann wieder zum Führungsthema, denn Ausbildung bedeutet, junge Menschen auf dem Weg ins Berufsleben zu begleiten. Und dazu gehört auch die Entwicklung von Konfliktfähigkeit.
Wie das gelingen kann? Meiner Meinung nach nicht durch Kuschelkurs, sondern durch klare, verbindliche und respektvolle Führung.
Junge Menschen brauchen Beziehung, aber nicht grenzenlose Nachsicht
Der DGB-Ausbildungsreport 2025 zeigt, dass 71,6 Prozent der befragten Auszubildenden mit ihrer Ausbildung zufrieden sind. Gleichzeitig gibt es große Unterschiede zwischen Branchen und Berufen. Themen wie Überstunden, ausbildungsfremde Tätigkeiten, finanzielle Belastung und Unsicherheit über Übernahme spielen weiterhin eine Rolle.
Diese Auswertung zeigt, dass viele Azubis Ausbildung auch wollen und zufrieden sind. Und sie wollen ihren Platz finden. Aber gute Ausbildung passiert oft nicht von allein.
Meiner Erfahrung nach ist es insbesondere für Auszubildende unglaublich wichtig, Menschen im Betrieb zu haben, die sie sehen, die ansprechbar sind und Orientierung geben. Eine gute Beziehungsarbeit bedeutet aber nicht, dass es grenzenlose Nachsicht git, alles okay ist und alle Standards gesenkt werden, damit sich alle wohlfühlen und happy sind.
Es braucht immer beides – eine Balance zwischen Nähe und Klarheit, Verständnis und Grenze, Geduld und Konsequenz.
Weniger motzen, mehr führen
Viele Ausbildenden sind müde. Was sehr verständlich ist, wenn man schon zum fünften Mal dieselbe Sache erklärt hat. Wenn jemand schon wieder nicht mitdenkt, Absprachen nicht eingehalten werden und wenn Kritik sofort als Angriff verstanden wird. Wenn man das Gefühl hat, dass man neben allem anderen auch noch die Basics von Verbindlichkeit, Kommunikation und Selbstorganisation vermitteln muss.
Bei Frustration, Ärger und vielleicht sogar schon Resignation sind Meckern und Motzen manchmal naheliegend. Das entlädt aber eher nur den eigenen Frust. Vielmehr ist Führung gefragt. Und das fängt einem eigenen Check-in und der eigenen Reflektion an:
- Was genau wurde vereinbart?
- Hat der Azubi wirklich verstanden, worum es geht?
- War der Rahmen klar?
- Gab es echtes Feedback oder nur eher genervte Kommentare?
- Wurde etwas erwartet, was einfach (noch) nicht da ist?
- Wurde klar kommuniziert?
Und ja, das ist unbequem, anstrengend und man fragt sich dabei oft: Echt jetzt?! Aber es nimmt auch die Ausbildenden in die Verantwortung für eine gute und erfolgreiche Ausbildung, die allen Beteiligten einen Zugewinn bringt.
Orientierung geben heißt nicht, alles vorzugeben
Wenn wir alles weichspülen, und alles leicht machen, alles vorgeben und abnehmen, dann funktioniert Ausbildung nicht. Denn so kann keine Verantwortung gelernt werden.
Gerade in praktischen Berufen ist es entscheidend, einen Rahmen aufzuzeigen, der Orientierung schafft. Dieser Rahmen kann beipielsweise dadurch gesetzt werden, dass genau geklärt wird, was die Aufgabe ist, was das Ziel ist, welcher Standard herrscht, wo selbst eine Entscheidung getroffen werden kann und wann nachgefragt werden muss. Wo und welche Konsequenzen es gibt und welche Unterstützung möglich ist.
Wenn wir diesen praktischen Rahmen nicht klar vermitteln, können wir auch nicht erwarten, dass Verantwortung entsteht. Und ja, ich weiß: kleine Schritte sind anstrengend und Wiederholungen sind ermüdend. Sie sind jedoch die Basis, die es für Weiterentwicklung und auch Wachstum manchmal einfach braucht.
Orientierung zu geben und damit den Rahmen zu setzen, das ist unsere Aufgabe als Ausbildende. Aber wir können nicht beeinflussen, wie der Azubi damit umgeht, ob er sich der Situation dann doch wieder entzieht oder sie nutzt, um zu lernen, zu wachsen und sich weiterzuentwickeln.
Generationen-Bashing ist zu einfach
„Genz Z ist halt so“ ist mir zu wenig und zu oberflächlich, denn dann muss ich ja nicht mehr genauer hinschauen und mich fragen, ob wir wirklich klar, verbindlich und entwicklungsorientiert ausbilden.
Klar gibt es Unterschiede zwischen Generationen in Bezug auf Prägungen, Erwartungen, Erfahrungen mit Autorität, Arbeit, Kommunikation und Belastung. Schon 2024 beschreibt die Shell Jugendstudie 2024 junge Menschen zum Beispiel als besorgt, aber pragmatisch und zukunftsgewandt. Sie zeigt also gerade kein plattes Bild von „faul und desinteressiert“, sondern ein viel differenzierteres.
Und genau dieses differenzierte Hinschauen ist auch in der Ausbildung notwendig, denn nicht jede Unsicherheit ist Faulheit, nicht jede Kritik gleich toxisch, klare Ansagen sind nicht automatisch ungesund und nicht jede Grenze ist kalt und empathielos. Und vor allem: Nicht alle jungen Menschen sind gleich. Und nicht jeder ältere Mensch hat automatisch recht.
Was Face Reading und Lebensaufgaben in der Ausbildung sichtbar machen können.
Für mich wird es sehr spannend, wenn wir aufhören, junge Menschen nur durch die „Verhaltens-Brille“ zu betrachten. Denn hinter Verhalten liegen oft Muster.
Unsicherheit, die Angst vor Fehlern, Überforderung, Stolz, Ehrgeiz, Scham, das Bedürfnis nach Anerkennung, der Wunsch allen zu gefallen, Konzentrationsvermögen oder auch ein echtes Problem mit Verbindlichkeit – Face Reading oder das Lebensaufgabensystem können hier einen Perspektivwechsel ermöglichen.
Es geht dabei nicht darum, irgendjemanden in Schubladen zu stecken, sondern sichtbar zu machen, was ein Mensch mitbringt, welche Kraft schon sichtbar ist und welche Potenziale noch nicht ausgeschöpft werden. Es zeigt sich damit beispielsweise, wo für jemanden welche Art von Führung hilfreich sein kann und welche Grenzen wichtig sind.
Für Ausbildende kann das erkenntnisreich und vor allem sehr entlastend sein. Weil sie nicht mehr nur reagieren, sondern viel bewusster und individueller führen können.
Azubis brauchen keine Dauerbespaßung. Sie brauchen gute Führung.
Ich glaube, dass erwachsene Führungskräfte eine Voraussetzung für gute Ausbildung sind. Und dabei meine ich erwachsen im Sinne von erwachsener und damit ausgereifter Selbstführung.
Nur wenn Ausbildende selbst auch wissen, was sie erwarten, was sie tolerieren können, was nicht verhandelbar ist und welche Untersützung möglich ist, können sie diese Dinge auch klar kommunizieren. Auch die Kompetenz einer konstruktiven Kritik, die ohne Abwertung daherkommt und das Vermögen Grenzen zu setzen ohne direkt kleinzumachen sind weitere wichtige Fähigkeiten, die Ausbildende mitbringen sollten.
Das sind nicht wenige und auch keine kleinen Voraussetzungen. Aber Ausbildung ist eben nicht nur reine Fachkräfteentwicklung, sondern vor allem auch Menschenentwicklung im echten Leben. Und wozu die ganze Anstrengung? Wenn junge Menschen lernen, Verantwortung zu übernehmen, dann wachsen sie nicht nur selbst. Es wächst dann auch der gesamte Betrieb.
Wenn du junge Menschen führst, ausbildest oder manchmal an ihnen verzweifelst, lohnt sich ein klarer Blick.
In meiner Arbeit verbinde ich Führungserfahrung, Coaching und das Face Reading. Ich unterstütze damit Führungskräfte und Ausbildende dabei, sich selbst und andere besser zu verstehen, klarer zu kommunizieren und Verantwortung nicht nur einzufodern, sondern auch wirklich zu ermöglichen.