Freundschaften sind Liebesbeziehungen – Warum wir sie endlich genauso ernst nehmen sollten.

Freundschaft
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„Und, hast du jetzt einen Freund?“
„Gibt es jemanden in deinem Leben?“
„Willst du eigentlich für immer alleine bleiben?“

Solche Fragen kennt wahrscheinlich jeder von uns. Sie zeigen ziemlich deutlich, welchen Stellenwert eine Partnerschaft in unserer Gesellschaft noch immer hat.

Eine Beziehung gilt als etwas, das irgendwann dazugehören sollte – ein Muss also. Freundschaften dagegen? Die hat man eben.

Dabei frage ich mich mittlerweile: Warum eigentlich dieser Unterschied?

Denn Freundschaften können uns genauso tief berühren wie eine Partnerschaft. Wir können einen Menschen vermissen. Uns mit Herzklopfen auf ein Wiedersehen freuen. Uns verstanden, gehalten und gesehen fühlen. Wir können miteinander lachen, streiten, wachsen – und wir können uns gegenseitig das Herz brechen.

Für mich sind Freundschaften deshalb eine Form von Liebesbeziehung. Nur eben ohne den Teil, den wir klassischerweise mit einer Paarbeziehung verbinden.

Ein Partner kann nicht alles für dich sein

Die Erwartungen an unsere Partnerschaft sind meisten ziemlich hoch.

Der Partner soll unser engster Vertrauter sein. Uns emotional verstehen. Unsere Interessen teilen. Uns auffangen. Mit uns lachen. Abenteuer erleben. Unsere Entscheidungen unterstützen. Am besten ähnliche Zukunftsvorstellungen haben und natürlich noch tausend andere Dinge erfüllen.

Das ist ganz schön viel für einen einzelnen Menschen.

Ich halte es für gesund, wenn nicht alles an einer einzigen Beziehung hängt.

Vielleicht gehst du mit einer Freundin stundenlang wandern, während dein Partner schon beim Gedanken daran schlechte Laune bekommt.

Es gibt vielleicht auch Themen, über die du mit einem Freund ganz anders sprechen kannst als mit deinem Partner.

Vielleicht brauchst du manchmal genau den Menschen, der dich schon aus einer Zeit kennt, in der dein heutiger Partner noch gar nicht in deinem Leben war.

Das macht deine Partnerschaft nicht weniger wichtig. Es macht dein Beziehungsnetz stabiler.

Partnerschaft, Familie und Freundschaft (unter-)stützen uns unterschiedlich

In unserem Podcast „Chaos und Konfetti“ haben wir über drei Säulen gesprochen: Partnerschaft, Familie und Freundschaft.

Ich mag dieses Bild. Denn keine dieser Säulen muss bei jedem Menschen gleich stark sein. Und sie bleiben auch nicht unser ganzes Leben unverändert.

Vielleicht trägt dich gerade deine Partnerschaft sehr stark. Vielleicht ist deine Familie dein sicherster Hafen. Vielleicht sind es aber auch deine Freundinnen, die da sind, wenn an anderer Stelle gerade alles wackelt.

Und manchmal verändert sich dieses Verhältnis. Und das darf auch so sein.

Problematisch wird es meiner Meinung nach erst dann, wenn wir glauben, eine einzige Beziehung müsse unser komplettes Fundament bilden.

Denn fällt diese Säule weg, fehlt plötzlich sehr viel.

Deshalb sind Freundschaften für mich kein nettes Extra neben Partnerschaft, Familie und Arbeit. Sie sind ein eigenständiger und wichtiger Teil unseres Lebens.

Warum reden wir über Liebeskummer – aber kaum über Freundschaftskummer?

Eine Paarbeziehung endet meistens ziemlich eindeutig und es fällt der Satz: „Wir trennen uns.“ Mistens gibt es eine klare Statusveränderung. Ein Endpunkt. Ein Davor und ein Danach.

Bei Freundschaften läuft das oft völlig anders.

Man schreibt sich etwas seltener. Dann noch seltener. Treffen werden verschoben. Gespräche oberflächlicher. Irgendwann erzählt jemand von „einer früheren Freundin“ und merkt erst beim Aussprechen, dass sich da etwas verändert hat.

Aber wann genau? Und warum?

Manchmal begleitet uns eine Freundin zwanzig Jahre. Vielleicht kennt sie unsere ersten Beziehungen, unsere beruflichen Irrwege, unsere Familie, unsere Krisen und die Versionen von uns, die heute längst nicht mehr existieren.

Wenn diese Verbindung endet, verlieren wir nicht „nur eine Freundin“. Wir verlieren einen Menschen, mit dem ein Stück unserer eigenen Geschichte verbunden ist.

Und das darf wehtun. Auch dann, wenn wir gleichzeitig wissen, dass die Trennung richtig ist.

Nicht jede Freundschaft muss für immer halten

Wir entwickeln uns. Und Entwicklung läuft nicht immer parallel.

Menschen verändern ihre Werte, Lebensentwürfe, Bedürfnisse und Prioritäten. Manchmal finden zwei Menschen nach einer Phase der Distanz wieder zueinander. Manchmal eben nicht.

Beides ist in Ordnung.

Was ich schwieriger finde, ist dieses jahrelange Dazwischen.

Wenn eine Freundschaft eigentlich nicht mehr guttut, wir aber nichts ansprechen. Wenn immer dieselbe Person gibt und die andere nur nimmt. Wenn Verletzungen passiert sind, über die niemand spricht.

Oder wenn wir längst merken, dass wir uns voneinander entfernt haben, aber aus Gewohnheit an einem alten Bild festhalten.

Bei Partnerschaften finden wir es völlig normal, über solche Dinge zu sprechen.

Warum tun wir das in Freundschaften so selten?

Auch Freundschaft ist Beziehungsarbeit. Nicht im Sinne von Anstrengung und ständigem Problemlösen. Sondern im Sinne von Interesse.

Wenn mir ein Mensch wichtig ist, darf ich sagen: „Ich habe das Gefühl, zwischen uns hat sich etwas verändert.“ Oder: „Mich verletzt gerade etwas.“ Oder auch: „Ich möchte wissen, ob wir beide diese Freundschaft noch genauso wollen.“

Natürlich garantiert ein Gespräch nicht, dass danach alles wieder gut ist. Aber Klarheit ist mir persönlich lieber als jahrelanges Rätselraten.

Brauchen wir wirklich die eine „beste Freundin“?

Als Kinder war das häufig wichtig. Und auch heute sehe und höre ich es noch bei meiner Tochter: „Das ist meine beste Freundin.“

Damit is tdie Rangordnung ziemlich eindeutig geklärt.

Heute sehe ich das etwas anders als früher. Ich habe Menschen in meinem Leben, die mich schon sehr lange begleiten. Andere sind vielleicht noch gar nicht so lange da, dafür gerade sehr nah.

Mit einer Person teile ich bestimmte Interessen. Mit einer anderen kann ich über Themen sprechen, die sonst kaum jemand versteht. Eine Freundin begleitet vielleicht eine bestimmte Lebensphase besonders intensiv.

Warum müsste ich daraus jetzt eine Rangliste machen? Nähe ist ja nicht statisch und gleichbleibend.

Und Menschen müssen nicht alle dieselbe Rolle erfüllen.

Für mich darf Freundschaft viel offener sein.

Vielleicht braucht jemand einen einzigen wirklich engen Menschen. Ein anderer hat drei oder vier enge Freundschaften. Und wieder jemand fühlt sich mit einem großen Kreis wohl.

Es gibt keine richtige Zahl.

Die viel interessantere Frage lautet:

Welche Beziehungen tun dir wirklich gut?

Freundschaft braucht Zeit – aber vor allem Bedeutung

Für mich ist die Anzahl der Menschen, die ich oder die jemand anderes kennt nicht wirklich bedeutsam. Die Größe unseres Bekanntenkreises sagt doch recht wenig darüber aus, wie verbunden wir uns fühlen.

Du kannst hundert Kontakte im Handy haben und trotzdem niemanden wissen, den du um zwei Uhr nachts anrufen würdest.

Oder du hast zwei Menschen und weißt ganz genau: Wenn wirklich etwas ist, sind sie da.

Das Entscheidende ist deshalb nicht Quantität sondern Verbindung.

Wer sieht dich wirklich? Bei wem musst du nichts darstellen? Mit wem kannst du lachen und gleichzeitig die unangenehmen Gespräche führen? Wer freut sich ehrlich über deinen Erfolg? Wer darf dir auch sagen, dass du gerade völligen Unsinn machst?

Und – genauso wichtig – für wen bist du selbst dieser Mensch?

Denn Freundschaft funktioniert ja nicht nur darüber, was wir bekommen. Sie lebt gleichermaßen davon, was wir bereit sind zu geben.

Vielleicht ist genau deshalb heute ein guter Moment, einmal nicht darüber nachzudenken, wer sich schon lange nicht mehr bei dir gemeldet hat.

Sondern darüber, bei wem du dich schon lange nicht mehr gemeldet hast.

Vielleicht reicht fürs Erste ein: „Hey. Ich musste gerade an dich denken.“ Und manchmal beginnt genau damit wieder Verbindung.


5 Fragen über Freundschaften

1. Wie viele enge Freundschaften braucht ein Mensch?
Keine bestimmte Zahl. Entscheidend ist, ob deine Beziehungen deine Bedürfnisse nach Nähe, Austausch und Verbundenheit erfüllen.

2. Kann eine Freundschaft genauso wichtig sein wie eine Partnerschaft?
Ja. Für viele Menschen sind enge Freundschaften ein ebenso wichtiges emotionales Fundament.

3. Wann sollte ich eine Freundschaft beenden?
Wenn sie dauerhaft nicht mehr guttut und auch ehrliche Gespräche keine Veränderung ermöglichen.

4. Sollte man Probleme unter Freunden wirklich ansprechen?
Unbedingt. Gute Freundschaften dürfen Konflikte aushalten. Schweigen schafft selten echte Nähe.

5. Ist es schlimm, keine „beste Freundin“ zu haben?
Überhaupt nicht. Unterschiedliche Menschen können in unterschiedlichen Lebensbereichen und Lebensphasen wichtig sein.


Freundschaft, Beziehung, Nähe und die Frage, wer uns wirklich durchs Leben trägt: Genau darüber sprechen wir ausführlicher in der aktuellen Folge von „Chaos & Konfetti“. Wenn du beim Lesen an einen bestimmten Menschen denken musstest, schick ihm diesen Beitrag – oder noch besser: melde dich einfach mal wieder bei ihm.