Wo ist eigentlich das erste halbe Jahr geblieben? Die Zeit ist wie im Flug vergangen. Und vielleicht fragst auch du dich, was du eigentlich in dieser Zeit gemacht hast. Nicht jeder Fortschritt ist sofort sichtbar. Warum innere Prozesse Anerkennung verdienen und wie eine bewusste Rückschau neue Klarheit schafft.
Gefühlt war doch gerade erst noch Januar?! Das Jahr lag noch vor mir. Zwölf neue Monate, viele Ideen, Pläne und konkrete Ziele. Und jetzt ist die erste Hälfte schon vorbei!
Spätestens jetzt taucht die Frage auf: Was habe ich in dieser Zeit eigentlich geschafft?
Diese Frage kann ziemlich unfair sein. Denn wir bewerten bei der Antwort oft nach vorzeigbaren Ergebnissen: ein abgeschlossenes Projekt, erreichte Ziele, sichtbare Veränderungen, Zahlen, Ergebnisse und Erfolge.
Aber was ist mit all dem, was in uns passiert ist?
Wir sehen oft nur das fertige Ergebnis
Wir sind es gewohnt, Entwicklung und Veränderung an sichtbaren Ergebnissen zu messen. Bevor aber etwas im Außen sichtbar wird, ist innerlich weit vorher etwas in Bewegung gekommen.
Du hast angefangen, eine irgendwann einmal getroffene Entscheidung infrage zu stellen. Dir ist es zum ersten Mal gelungen, auszusprechen, was du nicht mehr möchtest. Du hast verstanden, warum dich eine bestimmte Situation immer wieder beschäftigt. Oder du hast aufgehört, dir einzureden, dass schon alles irgendwie in Ordnung ist.
Von außen sieht das vielleicht nach wenig aus. Für deine persönliche Entwicklung kann es aber ein gewaltiger Schritt sein.
Fortschritt muss nicht laut und polternd daherkommen
Manche Veränderungen kündigen sich nicht mit Konfetti, einem großen Knall oder einem neuen Lebensabschnitt an. Sie beginnen leise.
Innere Prozesse sind meistens unabdingbar, um eine Veränderung (die nach außen sichtbar ist) zu bewirken. Wir neigen aber dazu, solche inneren Prozesse kleinzureden. Sie haben eben noch kein sichtbares Ergebnis hervorgebracht.
ABER: Ein Samen ist nicht wertlos, weil noch kein Baum zu sehen ist. Auch die Fürsorge und Pflege eines frisch in die Erde gebrachten Samens sind elementar für dessen Wachstum. Und eine Entscheidung ist nicht bedeutungslos, nur weil du sie noch nicht vollständig umgesetzt hast.
Innehalten bedeutet nicht Stillstand
Die meisten Menschen haben das Gefühl, ständig weitermachen zu müssen. Kaum ist ein Ziel erreicht, wartet schon das nächste. Ist eine Aufgabe erledigt, schauen wir direkt auf das, was noch offen ist. Wir prüfen unsere Listen und sehen vor allem die Punkte, hinter denen noch kein Haken ist.
Dabei gehört zur Entwicklung ein bewusstes Innehalten dazu.
Eine im Harvard Business Review vorgestellte Untersuchung zeigte, dass Menschen, die sich ganz bewusst Zeit für die Reflexion des Gelernten nahmen, anschließend bessere Ergebnisse erzielten als diejenigen, die einfach nur weitermachten. Reflexion ist nicht nur ein netter Gedanke. Sie kann dabei helfen, Erfahrungen tatsächlich zu verarbeiten und für den nächsten Schritt zu nutzen.
Innehalten bedeutet nicht, dass du Zeit verlierst. Es bedeutet, dass du dir anschaust und bewusst machst, was diese Zeit mit dir gemacht hat.
Die Zeit vergeht nicht einfach nur
„Das erste halbe Jahr ist so schnell vergangen!“ Das klingt so passiv, als ob die Zeit einfach unbemerkt an uns vorbeigelaufen wäre.
Die vergangenen Monate sind aber nicht einfach so verschwunden. Wir haben in ihnen gelebt, Entscheidungen getroffen, gezweifelt, gehofft, verworfen, ausprobiert, gemacht, ausgehalten und vielleicht auch neu angefangen. Wir sind Menschen begegnet, haben uns verabschiedet, etwas gelernt oder etwas über uns erkannt.
Monate, in denen du scheinbar nicht vorangekommen bist, können etwas vorbereitet haben. Manchmal braucht es einfach eine Phase der Orientierung, bevor wir handeln können. Wir müssen erst einmal erkennen, dass etwas nicht mehr funktioniert und dies auch annehmen.
Für mich besteht der wichtigste Fortschritt darin, nicht länger vor einer Wahrheit davonzulaufen.
Du solltest dir selbst Anerkennung geben
Wir erwarten Anerkennung oft von außen. Jemand soll sehen, wie viel wir geleistet haben. Wie schwierig etwas für uns war. Wie viel Mut ein Schritt gekostet hat oder wie oft wir wieder aufgestanden sind. Und selbst dann, wenn jemand dies bemerkt und anerkennt, fällt es uns schwer, uns selbst auch die Anerkennung dafür zu geben.
Was, wenn viele unserer wichtigsten Schritte gar niemand mitbekommt? Niemand sieht, wie lange du über etwas nachgedacht hast. Wie viel Kraft es dich gekostet hat, ruhig zu bleiben, eine Grenze zu setzen oder nicht in alte Muster zurückzufallen.
Deshalb ist es so wichtig, dass du selbst hinschaust und ehrlich anerkennst, was war.
Es kann entscheidend für Motivation und Wohlbefinden sein, das bereits Geschaffte bewusst wahrzunehmen. Das zeigt auch die Forschung zu kleinen Fortschritten. Das Greater Good Science Center der University of California, Berkeley beschreibt, dass bedeutsamer Fortschritt ein wichtiger Faktor für einen guten Arbeitstag sein kann. Und es hilft, kleine Erfolge überhaupt erst sichtbar zu machen.
Du hast mehr geschafft, als du glaubst
Bevor du dich also fragst, was du in der verbleibenden Zeit des Jahres (das sind bei Veröffentlichung dieses Artikels immerhin noch 146 Tage!) noch machen willst, halte kurz inne und schau doch erst einmal zurück.
Nimm dabei nicht nur deine Ergebnisse, sondern vor allem auch deine Entwicklung in den Fokus:
- Was hast du über dich gelernt?
- Wo kannst du heute klarer sehen als noch vor einigen Monaten?
- Welche Entscheidung bereitet sich gerade in dir vor?
- Welche Gespräche hast du geführt?
- Was hast du ausgehalten, verarbeitet oder losgelassen?
Noch ist nicht alles sichtbar. Vielleicht ist auch noch keines deiner Ziele, die du dir zu Beginn des Jahres gesetzt hast, vollständig erreicht. Das bedeutet aber nicht, dass nichts passiert ist.
Rückblick bedeutet nicht, in der Vergangenheit zu bleiben
Eine Rückschau soll dich nicht festhalten. Sie soll dir zeigen, von welchem Punkt aus du weitergehst.
Wenn du nicht anerkennst, was bereits geschehen ist, startest du gedanklich immer wieder bei null. Du übersiehst deine Erfahrungen, deine Erkenntnisse und die Kraft, die du bereits aufgebracht hast.
Erst wenn du würdigst, was war, kannst du klarer entscheiden, was bleiben darf und was du verändern möchtest. Was lässt du heute oder in der zweiten Jahreshälfte hinter dir? Was nimmst du weiterhin mit? Was nimmst du neu hinzu? Mit welcher Ausrichtung gehst du weiter?
Manchmal braucht es nämlich gar keine neuen Ziele, sondern eher einen ehrlichen Blick auf das, was längst in Bewegung ist. Vielleicht spürst du diese Bewegung, kannst aber noch nicht klar erkennen, wohin es dich führen möchte. In einem Face Reading schauen wir gemeinsam darauf, was dich ausmacht, was gerade gesehen werden will und welcher nächste Schritt zu dir passt.
Selbstführung beginnt nicht mit der nächsten ToDo-Liste. Sie beginnt mit einem bewussten Blick auf dich selbst.
Fünf Fragen zur persönlichen Halbzeit
1. Warum fällt es uns so schwer, den eigenen Fortschritt zu erkennen?
Wir verbinden Fortschritt meist mit sichtbaren Ergebnissen. Innere Erkenntnisse, vorbereitete Entscheidungen und neue Grenzen lassen sich jedoch nicht abhaken oder abfotografieren, obwohl sie häufig die Grundlage für spätere Veränderungen sind.
2. Was zählt als Fortschritt, wenn sich im Außen (noch) nichts verändert hat?
Alles, was deine Wahrnehmung und deine zukünftigen Entscheidungen verändert. Ein erkanntes Bedürfnis, ein klärendes Gespräch, eine ehrliche Einsicht, eine erkannte Grenze… All das können entscheidende Schritte sein.
3. Wie oft sollte ich mir bewusst Zeit für eine Rückschau nehmen?
Nicht nur am Jahresende. Ein kurzer monatlicher Rückblick und eine ausführlichere Reflexion zur Jahresmitte helfen dir, Veränderungen frühzeitig wahrzunehmen und deine Ausrichtung gegebenenfalls anzupassen. Ich bin jedoch keine Freundin von festen Vorgaben. Mach das so und vor allem dann, wenn es sich für dich richtig und passend anfühlt. Eine gewisse Regelmäßigkeit oder Routinen können aber durchaus hilfreich sein.
4. Was mache ich, wenn ich bei meiner Rückschau eher unzufrieden und enttäuscht von mir bin?
Fokussiere dich nicht nur darauf, was du nicht erreicht hast. Frage dich auch, warum es anders gekommen ist, als geplant. Was hat deine Aufmerksamkeit gebraucht und was hast du daraus gelernt? Eine ehrliche Rückschau darf auch unbequem sein. Du solltest dich jedoch nicht verurteilen und erforschen, was du wirklich brauchst, um mit dem, was war, zufrieden zu sein.
5. Wie richte ich mich neu aus, ohne mir noch mehr Druck zu machen?
Entscheide nicht zuerst, was du alles leisten und schaffen möchtest. Frage dich, was dir wirklich wichtig ist und welcher nächste Schritt dazu passt. Klarheit entsteht weniger durch eine längere Liste, sondern eher durch eine bewusstere Entscheidung.