Glaubenssätze auflösen? Warum das nicht immer der richtige Weg ist.

Glaubenssätze
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Glaubenssätze müssen nicht komplett aufgelöst owerden. Sie sind oft alte Schutzmechanismen die als freundliche Begleiter sogar hilfreich sein können, wenn du gelernt hast, sie kleiner werden zu lassen.

Kennst du diese Stimme, die plötzlich da ist, obwohl du gerade eigentlich bereit warst, einen Schritt zu gehen?

Du willst endlich etwas aussprechen, dich zeigen, eine Entscheidung treffen oder endlich klar benennen, was für dich nicht mehr stimmig ist. Und genau dann meldet sich diese innere Stimme. Sie fragt, ob du dir wiiiirklich sicher bist. Sie zweifelt daran, ob du das kannst und erinnert dich daran, was andere denken könnten. Und manchmal ist sie so laut und klingt so überzeugend, dass du stehen bleibst, obwohl du eigentlich längst losgehen wolltest.

Diese Stimme – bei mir kommt sie immer von meiner rechten Schulter – gehört oft einem Glaubenssatz. Häufig lese oder höre ich, dass wir unsere hinderlichen Glaubenssätze loswerden müssen. Aber ich denke, wir machen es uns zu leicht, wenn wir sagen, Glaubenssätze müssten „aufgelöst“ werden.

Denn ein Glaubenssatz ist nicht einfach irgendein störender Gedanke, den man mal eben wegcoacht. Er ist häufig viel älter, viel tiefer und viel stärker mit uns verbunden. Meistens ist er auch nicht gegen uns entstanden, sondern ursprünglich für uns.

Was Glaubenssätze eigentlich sind

Glaubenssätze sind tiefe innere Überzeugungen, die wir über uns selbst, über andere Menschen oder über die Welt entwickelt haben. Sie zeigen sich zum Beispiel in Gedanken wie: „Ich bin nicht gut genug“, „Ich muss alles alleine schaffen“, „Ich darf niemandem zur Last fallen“ oder „Wenn ich mich zeige, werde ich bewertet“.

Solche Sätze entstehen nicht einfach aus dem Nichts. Sie wachsen aus Erfahrungen, aus Wiederholungen, aus Blicken, aus Worten, aus Schweigen und aus Erwartungen. Manchmal entstehen sie in Situationen, in denen wir gelernt haben, wie wir möglichst sicher durchkommen. Vielleicht hast du früh gelernt, leise zu sein, weil es weniger Ärger gab. Vielleicht hast du gelernt, stark zu sein, weil niemand da war, der dich gehalten hat. Vielleicht hast du gelernt, alles alleine zu machen, weil du dich auf andere nicht verlassen konntest.

Einen Glaubenssatz in sich wachsen zu lassen ist keine bewusste Entscheidung, sondern eine oft eine Lösung. Vermutlich ist das keine freie Lösung und auch keine schöne. Aber in dem Zeitraum, in dem sie enstanden ist, war es möglicherweise die beste Strategie, die dir zur Verfügung stand.

Dein Glaubenssatz ist nicht dein Feind

Ein Glaubenssatz ist nicht automatisch schlecht. Er ist nicht dein Gegner und er ist auch kein Zeichen dafür, dass mit dir etwas falsch ist.

Ich sehe Glaubenssätze eher als alte Schutzmechanismen. Sie sind wie kleine Begleiter, die irgendwann einmal entstanden sind, um auf dich aufzupassen. Vielleicht wollten sie verhindern, dass du verletzt, beschämt, abgelehnt oder überfordert wirst. Das Problem ist auch nicht, dass diese Stimme da ist. Das Problem beginnt erst dann, wenn sie am Steuer sitzt und du nicht mehr entscheidest, sondern dein alter Schutzmechanismus. Wenn nicht mehr dein Erwachsenen-Ich führt, sondern eine frühere Erfahrung, verlierst du Handlungsspielraum. Und wenn dein Glaubenssatz nicht mehr nur warnt, sondern dich aktiv verhindert, wird aus Schutz plötzlich Begrenzung.

Nicht jeder Zweifel ist ein Glaubenssatz

Gleichzeitig sollten wir nicht jeden inneren Zweifel sofort zum großen Glaubenssatz erklären. Manchmal ist ein Zweifel einfach ein Zweifel. Manchmal ist eine innere Stimme nur ein kurzer Hinweis, noch einmal genauer hinzusehen. Und manchmal ist Vorsicht sogar ziemlich klug.

Nicht alles, was dich kurz bremst, ist direkt ein tief sitzendes Muster.

Ein echter Glaubenssatz zeigt sich oft daran, dass er wiederkommt. Er taucht in unterschiedlichen Situationen auf, aber das Grundmuster bleibt ähnlich. Du stehst an einer Schwelle und plötzlich wird es innerlich eng. Du willst z.B. sichtbar werden und spürst sofort Scham oder Angst. Du willst eine Grenze setzen und fühlst dich schuldig. Du willst wachsen und etwas in dir sagt: „Bis hierhin und nicht weiter.“

Wenn du solche Wiederholungen bemerkst, kann das ein Hinweis darauf sein, dass ein Glaubenssatz gerade mehr Einfluss hat, als dir lieb ist.

Warum „auflösen“ für mich nicht passt

Immer wieder stolpere ich über den Satz: „Wir lösen jetzt deine Glaubenssätze auf.“

Das klingt schnell, super, sauber und machbar. Fast so, als gäbe es einen Coaching-Zaubertrick, mit dem ein alter Satz verschwinden kann. Aber aus meiner Erfahrung funktioniert es oft nicht so.

Ein Glaubenssatz, der tief in dir sitzt, verschwindet nicht automatisch, nur weil du einmal einen schönen Gegengedanken formulierst. Aus „Ich bin nicht gut genug“ wird nicht plötzlich innere Sicherheit, nur weil du dir dreimal sagst: „Ich bin wertvoll.“

Das kann ein Anfang sein. und unterstützen. Aber es reicht oft nicht, wenn der Glaubenssatz wirklich tief sitzt.

Viele Glaubenssätze sitzen nicht nur im Kopf, sondern sind sind mit dem Körper verbunden, mit dem Nervensystem, mit alten Reaktionen und mit Erfahrungen, die sich nicht allein über Denken verändern lassen. Deshalb glaube ich nicht daran, dass wir sie einfach wegradieren können und sollten.

Ich glaube eher daran, dass wir sie kleiner werden lassen.

Sie dürfen so klein werden, dass sie mitkommen können, ohne uns zu führen. Sie dürfen wahrgenommen werden, ohne dass sie entscheiden. Sie dürfen als Hinweisgeber bleiben, aber sie müssen nicht mehr Chef sein.

Der Glaubenssatz darf in die Hosentasche

Ich mag das Bild, dass ein Glaubenssatz nicht mehr am Steuer sitzt, sondern irgendwann nur noch in der Hosentasche mitfährt. Du weißt, dass er da ist. Du bemerkst ihn, wenn er sich meldet. Und statt ihm sofort zu glauben, kannst du innerlich einen Schritt zurücktreten und fragen: „Ah, du bist auch wieder da. Wovor willst du mich gerade schützen?“

Diese Frage verändert viel. Denn sie macht aus dem Glaubenssatz keinen Feind, sondern einen Hinweis. Gleichzeitig gibst du ihm nicht automatisch die Macht über deine Entscheidung.

Du kannst zuhören und trotzdem anders handeln.

Für mich ist das echte Selbstführung. Es geht nicht darum, nie wieder Angst zu haben oder völlig frei von alten Mustern zu sein. Es geht darum, wahrzunehmen, was in dir passiert, Verantwortung zu übernehmen und bewusst zu entscheiden, wer heute führen darf.

Verantwortung statt Schuld

Oft wurden unsere Glaubenssätze durch andere Menschen geprägt: in der Familie, Schule, in Beziehungen, Systemen und anderen Situationen können prägende Erfahrungen eine große Rolle spielen. Vielleicht gab es Sätze, die nie hätten gesagt werden dürfen. Vielleicht gab es Situationen, die dich verletzt haben. Vielleicht gab es Erwartungen, die viel zu schwer für dich waren.

Und das darf gesehen werden und auch anerkannt werden.

Aber wenn wir nur dort in der Vergangenheit und quasi am Usprungspunkt stehen bleiben, bleiben wir in der Vergangenheit gebunden. Dann wird aus der Erkenntnis schnell eine neue Begrenzung.

Eigenverantwortung heißt nicht, dass du alles schönreden oder entschuldigen musst, was passiert ist. Es bedeutet auch nicht, dass du so tun sollst, als sei nichts passiert. Eigenverantwortung bedeutet, dass du anerkennst, was war, und trotzdem fragst: Was mache ich heute damit? So holst du dir das Steuer zurück.

Glaubenssatzarbeit braucht Achtsamkeit

Mit Glaubenssätzen zu arbeiten, kann sehr kraftvoll sein und ist auch nicht immer leicht, weil es manchmal direkt zu alten Verletzungen führt. Plötzlich tauchen Kindheitsmomente, Scham, Trauer, Wut oder Themen auf, die lange gut weggeschoben wurden.

Deshalb braucht Glaubenssatzarbeit Achtsamkeit. Tief zu tauchen um jeden Preis oder eine Wand zu durchbrechen, nur weil dahinter eine Erkenntnis wartet ist nicht immer der richtige Weg. Zunächst braucht es einen mutigen Schritt und manchmal direkt danach eine Pause. Und ganz oft braucht es jemanden, der achtsam begleitet und an der richtigen Stelle etwas anschiebt oder führt.

Gerade in der Begleitung ist es wichtig zu spüren, wann ein Mensch bereit ist, über eine innere Brücke zu gehen, und wann es gerade zu viel wird. Tiefe ist nicht dann wertvoll, wenn sie spektakulär ist. Sie ist dann wertvoll, wenn sie gehalten werden kann.

Was für mich die bessere Frage ist

Für mich ist die entscheidende Frage nicht: „Wie werde ich diesen Glaubenssatz endlich los?“ Die viel bessere Frage ist doch: „Was will mir dieser Glaubenssatz sagen?“ Wovor will er mich schützen? Wann ist er besonders laut? Wie lange begleitet er mich schon? Welche alte Wahrheit steckt in ihm? Und welche neue Wahrheit könnte heute danebenstehen?

Denn ein Glaubenssatz ist nicht die einzige Wahrheit. Er war vielleicht einmal hilfreich oder auch notwendig. Vielleicht hat er dich sogar geschützt. Aber das bedeutet nicht, dass er heute noch bestimmen muss, wie weit du gehst.

Vielleicht darfst du heute lauter sein, sichtbarer werden, klarer führen, ehrlicher sprechen oder freier entscheiden. Nicht, weil die Angst weg ist, sondern weil du gelernt hast, dich selbst mitzunehmen.

Du musst nicht alles wegmachen, was dich geprägt hat

Wir sind keine Menschen ohne Geschichte. Wir alle bringen Erfahrungen, Prägungen, Schutzstrategien und innere Stimmen mit. Und auch dein Glaubenssatz gehärt zu deiner Geschichte. Aber er muss nicht dein Leben führen. Er darf ein Begleiter sein, ein Hinweisgeber oder vielleicht sogar ein kleiner Zauberstein, der dich daran erinnert, wie viel du schon überstanden hast.

Aber du entscheidest, ob du ihm das Steuer gibst.

Wenn du merkst, dass dich ein alter Glaubenssatz immer wieder ausbremst, im Beruf, in Beziehungen, in Führung oder in Veränderungsprozessen, kann es hilfreich sein, nicht länger alleine darum herumzukreisen, denn manchmal braucht es einen klaren Blick von außen.

Wenn du hinschauen möchtest, ohne dich dabei zu verlieren, melde dich gerne bei mir. Dann schauen wir gemeinsam, welche Stimme bei dir gerade so laut ist und wie du selbst wieder ans Steuer kommst.