Wie du herausfindest, was dich im Alltag stärkt, was dir Energie raubt und wie du dein Leben ein Stück mehr nach dir ausrichtest
Es gibt Tage, an denen du abends völlig platt bist und dich fragst, was heute eigentlich so anstrengend war.
Vielleicht war der Terminkalender sehr voll, du hast viel erledigt, geleistet, ausgehalten, viele Emotionen durchlebt… Oder auch nicht?! Und dann gibt es andere Tage, an denen du unglaublich viel geschafft hast, von Termin zu Termin unterwegs warst, viel getragen, geleistet hast und abends trotzdem das Gefühl hast: Das war gut. Anstrengend vielleicht, aber nicht auslaugend.
Warum wirken diese Tage so unterschiedlich auf uns?
Energie hängt nicht ausschließlich davon ab, wie viel wir tun. Sie hängt auch davon ab, wie sehr das, was wir tun, zu uns passt.
Nicht alles, was Energie kostet, ist automatisch zu viel
Natürlich brauchen wir Pausen, Schlaf und Zeiten, in denen wir nicht funktionieren müssen. Aber manchmal versuchen wir ein Energieproblem mit noch mehr Erholung zu lösen, obwohl die eigentliche Ursache an einer ganz anderen Stelle liegt.
Es macht einen Unterschied, ob ich am Abend müde bin, weil ich viel geleistet habe, oder ob ich den ganzen Tag Dinge getan, Situationen ausgehalten oder Rollen erfüllt habe, die mir eigentlich gar nicht entsprechen. Beides kann sich nach Erschöpfung anfühlen. Die Ursache ist aber eine andere.
Vielleicht kennst du das selbst: Du sagst Ja, obwohl du eigentlich Nein meinst. Du hältst dich in einem Gespräch zurück, obwohl du längst etwas sagen möchtest. Du versuchst, es allen recht zu machen, oder zwingst dich in eine Arbeitsweise, von der du längst weißt, dass sie dir nicht liegt. Manchmal sind es große Dinge. Viel häufiger sind es aber diese kleinen Situationen im Alltag, in denen wir gegen uns selbst arbeiten. Das Interessante daran: Meistens wissen wir das sogar. Und machen es trotzdem.
Willkommen im Alltag.
Was stimmt mit mir nicht?
Wenn wir merken, dass uns bestimmte Situationen immer wieder Kraft kosten, suchen wir den Fehler gerne bei uns. Warum bekomme ich das nicht besser hin? Wieso stresst mich das so sehr? Warum können andere damit scheinbar viel leichter umgehen? Sollte ich nicht strukturierter, spontaner, belastbarer oder gelassener sein?
Statt zu fragen, was mit mir nicht stimmt, finde ich es viel hilfreicher und weiterführender zu fragen, unter welchen Bedingungen ich eigentlich richtig gut arbeiten, aufblühen und agieren kann. Wir schauen erstaunlich häufig auf das, was nicht funktioniert. Dabei steckt mindestens genauso viel Erkenntnis in den Situationen, in denen es plötzlich leicht wird.
Mit Sicherheit fallen dir Momente ein, in denen du hochkonzentriert bist, gute Ideen hast oder Entscheidungen plötzlich ganz klar treffen kannst. Vielleicht erinnerst du dich auch an Gespräche, aus denen du voller Energie herausgehst, oder Tätigkeiten, bei denen du die Zeit vergisst? Diese Situationen sind nicht zufällig. Sie geben wertvolle Hinweise darauf, welche Bedingungen dich stärken.
Was hilft dir, gut bei dir zu sein?
Was uns guttut, ist sehr unterschiedlich. Der eine braucht Menschen um sich herum, um richtig in Schwung zu kommen. Die andere braucht erst einmal Ruhe und eine geschlossene Tür. Manche denken beim Spazierengehen am besten, andere brauchen einen Schreibtisch und einen klaren Plan. Manche blühen auf, wenn sie spontan reagieren können, während andere genau dann stark sind, wenn sie vorbereitet sind und wissen, was auf sie zukommt. Oft sind es sogar ganz kleine Dinge, die einen großen Unterschied machen: eine bestimmte Tageszeit, Bewegung, Natur, Musik, ein Gespräch mit einem bestimmten Menschen oder schlicht das Gefühl, für eine Weile nicht erreichbar sein zu müssen.
Deshalb lohnt es sich, genauer hinzuschauen und sich zu fragen: Was ist bei mir eigentlich anders, wenn es richtig gut läuft? Wo bin ich dann? Mit wem bin ich zusammen? Wie arbeite ich? Wie viel Freiheit habe ich? Wie viel Struktur brauche ich? Was tue ich in diesen Momenten und was tue ich vielleicht gerade ganz bewusst nicht? Je genauer wir hinschauen, desto deutlicher werden Muster.
Und dann gibt es die Bedingungen, die es uns schwermachen, mit uns in Verbindung zu bleiben.
Was bringt dich zuverlässig aus deiner Energie? Ständiger Zeitdruck, unklare Erwartungen, fehlende Entscheidungen oder Menschen, bei denen du permanent das Gefühl hast, dich erklären zu müssen? Vielleicht ist es zu viel Routine oder genau das Gegenteil: zu wenig Struktur und ständig wechselnde Anforderungen.
Manchmal liegen diese „Hinderer“ gar nicht ausschließlich im Außen, sondern entstehen dadurch, wie wir selbst auf eine Situation reagieren. Wir sagen nicht, was wir eigentlich denken. Wir übernehmen Verantwortung, die gar nicht unsere ist. Wir passen uns an, versuchen Erwartungen zu erfüllen, kontrollieren zu viel oder ziehen uns zurück. Und manchmal funktionieren wir einfach weiter, obwohl wir längst merken, dass wir dabei immer weiter von uns selbst wegkommen. Aus dieser Selbstbeobachtung kann Selbstführung werden.
Selbstführung beginnt nicht beim Optimieren
Bei Selbstführung denken viele zuerst an Disziplin, Routinen, Zeitmanagement oder Produktivität. Eigentlich beginnt bewusste Selbstführung schon viel früher. Meiner Meinung nach beginnt sie bei der Fähigkeit, überhaupt wahrzunehmen, was gerade mit mir passiert. Was brauche ich? Was bringt mich in meine Kraft? Was zieht mich heraus? Und wo handle ich immer wieder gegen das, was mir eigentlich entspricht? Erst wenn ich das erkenne, kann ich anfangen, etwas zu verändern.
Das bedeutet übrigens nicht, dass wir ab morgen nur noch Dinge tun, auf die wir Lust haben. So funktioniert das Leben nun einmal nicht. Es gibt Verpflichtungen, unangenehme Aufgaben, schwierige Gespräche und Menschen, denen wir nicht aus dem Weg gehen können. Aber wir können anfangen, unsere Rahmenbedingungen bewusster zu gestalten. Und das macht einen Unterschied.
Auch aus psychologischer Sicht ist dieser Gedanke spannend. Die Self-Determination Theory beschäftigt sich unter anderem damit, welche Bedingungen Motivation, Wohlbefinden und gutes Funktionieren fördern können. Besonders die Bedürfnisse nach Autonomie, Kompetenz und Verbundenheit spielen dabei eine wichtige Rolle.
Drei Fragen, die du dir diese Woche stellen kannst
Du musst dafür weder dein Leben umkrempeln noch morgens um fünf meditieren oder etwas in dieser Art. Es reicht schon, dich eine Woche lang etwas genauer zu beobachten.
1. Wann war ich heute richtig gut in meiner Energie?
Was war in diesen Momenten anders als sonst? Wo warst du, mit wem warst du zusammen, was hast du getan und welche Bedingungen haben dir gutgetan? Hier können zum Beispiel auch solche Dinge eine Rolle spielen wie die Räumlichkeiten, in denen du dich dabei aufgehalten hast, Düfte oder Gerüche, Atmosphäre und ähnliches.
2. Wann habe ich heute unnötig viel Energie verloren?
Dabei geht es nicht darum, wann etwas anstrengend war. Anstrengung gehört zum Leben. Spannender ist die Frage, wann dich etwas deutlich mehr Kraft gekostet hat, als es eigentlich hätte kosten müssen. In welchen konkreten Situationen fiel es dir schwerer, ganz bei dir zu sein. Auch hier ist wieder die Beobachtung spannend, wer dabei war, wie es um dich herum war, wo du warst, wie es dort gerochen hat oderwelche Tageszeit es war.
3. Was davon kann ich beeinflussen?
Nicht alles lässt sich verändern. Aber meistens gibt es irgendwo einen kleinen Bereich, auf den wir Einfluss haben. Vielleicht ist es ein Gespräch, eine Grenze, eine andere Struktur, etwas mehr Ruhe oder eine Entscheidung, die längst ansteht.
Du musst dein Leben nicht komplett verändern
Manchmal machen wir Persönlichkeitsentwicklung unnötig groß und deep. Dann hört es sich so an, als müssten wir erst vollständig herausfinden, wer wir wirklich“ sind, unsere Vergangenheit aufarbeiten und anschließend unser gesamtes Leben neu sortieren. Das kann man natürlich machen, muss man aber nicht. Denn häufig ist es passender, einfach nur genauer hinzuschauen und sich zu fragen: Was tut mir gut? Wann bin ich richtig stark? Und was bringt mich immer wieder von mir weg?
Wenn wir diese Fragen ernst nehmen, können wir Stück für Stück mehr von dem schaffen, was funktioniert, und weniger von dem, was uns permanent gegen unsere eigene Energie arbeiten lässt.
Was hat das mit Persönlichkeit zu tun?
Eine ganze Menge. Menschen unterscheiden sich nicht nur darin, was sie gut können. Sie unterscheiden sich auch darin, unter welchen Bedingungen sie ihre Fähigkeiten besonders gut einsetzen können. Das ist auch einer der Gründe, warum mich Face Reading immer wieder so sehr fasziniert.
Beim Gesichtlesen geht es überhaupt nicht darum, Menschen in Schubladen zu stecken. Im Gegenteil. Es geht darum, genauer hinzusehen und besser zu verstehen, welche Anlagen ein Mensch mitbringt, wie er Entscheidungen trifft, wie er kommuniziert, wo seine natürlichen Stärken liegen und an welchen Stellen Spannungen entstehen können. Dadurch wird so viel Verständnis für einen selbst möglich.
Wer sich selbst besser versteht, kann bewusster entscheiden, welche Bedingungen er für sich schaffen möchte.
Die noch größere Frage dahinter
Wenn wir noch einen Schritt weitergehen, kommen wir irgendwann bei einer grundsätzlicheren Frage an: Was ist eigentlich meine ganz eigene Art, durchs Leben zu gehen?
Was zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben? Welche Qualitäten tauchen immer wieder auf? Welche Herausforderungen begegnen mir wiederholt? Und was fällt mir vielleicht ganz selbstverständlich leicht, obwohl es für andere gar nicht selbstverständlich ist? Mit diesen Fragen beschäftigt sich auch das das LebensaufgabenSystem.
Dabei wird Lebensaufgabe nicht als etwas verstanden, das wir irgendwann irgendwo finden müssen, sondern als etwas, das sich längst in uns zeigt: in unseren Stärken, unseren Mustern, unseren Herausforderungen und in der Art, wie wir durchs Leben gehen.
Wer seine Lebensaufgabe kennt, lernt sich selbst jeden Tag immer wieder ein Stück mehr kennen. Und es lohnt sich, genauer herauszufinden, wann du bereits richtig du selbst bist und dann davon ein bisschen mehr in dein Leben zu holen.
Mein Impuls für dich
Nimm dir heute Abend zwei Minuten Zeit und vervollständige für dich zwei Sätze:
Mehr bei mir bin ich, wenn …
Ich verliere mich, wenn …
Mehr brauchst du erst einmal gar nicht. Sehr viel häufiger, als wir denken, brauchen wir nicht noch mehr Wissen, noch eine Methode oder noch einen Ratgeber. Wir brauchen eher das Verständnis und den Mut, das, was wir längst über uns wissen, im Alltag auch ernst zu nehmen.