„Ich bin mit Arbeit und Fahrt locker 10 Stunden unterwegs. Da habe ich doch nach der Arbeit gar kein Leben mehr!“
Diesen Satz habe ich vor Kurzem gehört. Und ja: zehn Stunden sind nicht wenig. Vor allem dann, wenn du morgens schon keine Lust hast, loszufahren, dich durch den Tag schleppst und abends nur noch auf deine Couch fällst.
Die Aussage von einem doch recht jungen Menschen hat mich nicht losgelassen. Denn sie wirft für mich eine viel grundsätzlichere Frage auf:
Wann genau hast du beschlossen, dass dein Leben erst nach Feierabend beginnt?
Oder nur am Wochenende? Nur im Urlaub? Oder irgendwann später, wenn dann mal endlich weniger zu tun ist?
Arbeit ist ja kein Wartezimmer, in dem du sitzt und darauf wartest, dass das eigentliche Leben beginnt. Wenn du jeden Tag acht oder mehr Stunden nur darauf wartest, dass diese Zeit endlich vorbei ist, stimmt etwas Grundsätzliches nicht. Das ist aber nicht zwingend nur die Zahl der Arbeitsstunden.
Ein Job muss nicht jeden Tag Spaß machen
Irgendwie hält sich inzwischen ja hartnäckig die Vorstellung, dass der richtige Job jeden Tag Freude machen, Sinn stiften und möglichst leicht von der Hand gehen muss.
In meinen Augen ist das ein Märchen.
Auch ein passender Beruf enthält Aufgaben, auf die du keine Lust hast. Es gibt Routinen, anstrengende Gespräche, Verpflichtungen und Tage, an denen du einfach lieber etwas anderes machen würdest.
Du musst nicht jede Aufgabe lieben.
Dein Job darf anstrengend sein. Er darf dich aber nicht dauerhaft auffressen.
Nach einem langen Tag müde zu sein, ist zunächst normal. Wenn du aber ständig erschöpft, gereizt und / oder innerlich leer bist, solltest du genauer hinschauen. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin weist deutlich darauf hin, dass lange Arbeitszeiten die notwendige Erholung verkürzen und gesundheitliche Risiken erhöhen können.
Die Antwort könnte deshalb durchaus lauten, dass du zu viel und zu lange arbeitest.
Sie kann aber auch lauten, dass du am falschen Ort, mit den falschen Menschen oder dauerhaft gegen deine Persönlichkeit arbeitest.
Erschöpfung entsteht nicht unbedingt durch zu viele Stunden
Manche Menschen arbeiten sechs Stunden und sind danach völlig durch. Andere arbeiten zehn Stunden und haben immer noch Energie, Ideen und Lust auf ihr Leben.
Das macht den einen nicht faul und den anderen nicht automatisch leistungsfähiger. Denn wir Menschen unterscheiden uns.
Wir haben unterschiedliche Energielevel, Stärken, Bedürfnisse und Möglichkeiten zur Regeneration. Manche brauchen Abwechslung und Bewegung. Andere benötigen eher feste Strukturen und Ruhe. Einige gewinnen Energie aus Begegnungen, während andere nach vielen Gesprächen dringend Rückzug brauchen.
Deshalb halte ich wenig von pauschalen Aussagen wie: „Der Mensch ist nicht für acht Stunden Arbeit gemacht.“
Welcher Mensch? Bei welcher Tätigkeit? In welcher Lebensphase? Unter welchen Bedingungen?
Natürlich gibt es gesundheitliche Grenzen. Auch die WHO und die Internationale Arbeitsorganisation warnen insbesondere vor sehr langen Wochenarbeitszeiten. Dennoch lässt sich aus der Stundenzahl allein nicht ablesen, ob ein Arbeitsmodell zu einem Menschen passt.
Die bessere Frage lautet: Wie geht es dir mit dem, was du während dieser Stunden tust?
Du musst nicht so viel oder so wenig schaffen wie andere
Ich werde oft gefragt, wie ich all meine Aufgaben unter einen Hut bekomme: Unternehmen, Gesichtlesen, Coaching, Lebensaufgaben, Podcast, Familie und immer wieder neue Projekte.
Mein Tag hat auch nur 24 Stunden. Aber ich kenne meine Energie inzwischen ziemlich gut. Ich weiß, welche Aufgaben mit beflügeln, wo ich schnell bin und auch wann ich eine Pause brauche. Und ich habe aufgehört, jede meiner Entscheidungen mit anderen Menschen zu vergleichen.
Du musst nicht dasselbe Pensum schaffen, wie deine Kollegin. Du musst auch nicht so viele Projekte haben wie dein Nachbar. Und du musst dein Leben nicht nach dem Modell eines Menschen gestalten, der völlig anders angelegt ist als du.
Aber du solltest auch nicht erwarten, dass jede Entscheidung folgenlos bleibt. Weniger zu arbeiten kann richtig sein. Es kann aber auch weniger Einkommen bedeuten. Mehr Verantwortung kann erfüllend sein. Sie kostet jedoch Kraft und verlangt Entscheidungen.
Hier kommt für mich einer meiner Grundsätze ins Spiel: Selbstbestimmung bedeutet, die Konsequenzen der eigenen Entscheidungen zu tragen.
Bevor du kündigst, prüfe deinen eigenen Anteil
Eine Kündigung kann die richtige Entscheidung sein. Ein belastendes Umfeld, eine respektlose Führungskraft oder eine Tätigkeit, die dauerhaft gegen die eigenen Werte läuft, muss niemand jahrelang ertragen.
Eine Kündigung ist aber nicht automatisch immer ein mutiger und richtiger Schritt. Sie kann auch eine Flucht sein. Der schnellst Weg, um sich selbst nicht hinterfragen zu müssen.
Zu lange Ja zu sagen und sich anschließend darüber zu ärgern, dass andere deine Grenzen nicht erkennen, ist vielleicht dein Anteil an wiederkehrenden Situationen oder Themen.
Vielleicht erwartest du, dass dein Einsatz von allein gesehen wird.
Oder du hast innerlich längst gekündigt, bevor dein Gegenüber überhaupt erfährt, dass etwas nicht stimmt.
Der eigene Anteil bedeutet nicht, dass du schuld an allem bist. Er ist vielmehr eine Chance und ein möglicher Hebel, mit dem du tatsächlich selbst etwas verändern kannst.
Diesen Umstand beschreibt ein weiterer meiner Grundsätze: Wer ausschließlich im Außen nach dem Schuldigen sucht, gibt auch die eigene Macht nach außen ab.
Reden allein ist noch keine Kommunikation
„Wir müssen mehr miteinander reden.“
Diesen Satz hört man nicht selten in Unternehmen, Familien, Beziehungen. Und trotzdem wird oft erst dann gesprochen, wenn die Fronten längst verhärtet sind. Und selbst dann geht es oft nicht darum, den anderen zu verstehen. Es geht eher darum, recht zu behalten und den anderen vom eigenen Standpunkt zu überzeugen.
Der Arbeitgeber glaubt, der Mitarbeitende wolle möglichst wenig leisten. Der Mitarbeitende glaubt, der Arbeitgeber wolle ihn grundsätzlich nur ausnutzen.
Beide Seiten sammeln Beweise für die eigene Geschichte, um Recht zu behalten.
Eigentlich sollte man besser eine ehrlichere Frage stellen: Was ist hier eigentlich gerade los? Was übersehe ich gerade, weil ich zu sehr damit beschäftigt bin, recht zu haben?
Denn vielleicht steckt hinter nachlassender Leistung keine Faulheit, sondern Überforderung. Vielleicht steckt hinter einer klaren Ansage keine Geringschätzung, sondern eine Verantwortung, die du von außen nicht siehst.
Nicht jedes Gespräch kann eine Zusammenarbeit retten. Aber ohne ein ehrliches Gespräch wird sich kaum etwas ändern.
Dein Leben beginnt nicht erst nach Feierabend
Weniger Arbeitsstunden, einen anderen Job, ein klärendes Gespräch, eine Pause… Vielleicht brauchst du das alles. Vielleicht musst du aber auch aufhören, darauf zu warten, dass jemand anderes dein Leben für dich passend macht.
Erkunde für dich: Was gibt dir Energie? Was kostet dich Kraft? Welche Umgebung brauchst du? Wo liegen deine Stärken? Welche Erwartungen versuchst du zu erfüllen, obwohl sie überhaupt nicht zu dir gehören?
Genau dabei kann ein Face Reading unterstützen. Es liefert dir keine fertige Berufsbezeichnung. Es macht aber sichtbar, welche Potenziale, Bedürfnisse und inneren Spannungen du mitbringst.
Arbeit ist ein teil deines Lebens. Sie muss nicht immer leicht sein. Aber sie sollte zu dem Menschen passen, der du bist.
Fünf Fragen zu Arbeit, Energie und Selbstführung
1. Woran erkenne ich, ob ich zu viel arbeite?
Nicht allein an der Stundenzahl. Entscheidend ist, ob du dich ausreichend erholen kannst, wie du schläfst und ob deine Energie nach freien Tagen zurückkehrt. Bleibt die Erschöpfung dauerhaft bestehen, solltest du handeln und gegebenenfalls auch medizinischen Rat einholen.
2. Muss mir mein Beruf jeden Tag Spaß machen?
Nein. Auch ein passender Beruf hat anstrengende und langweilige Seiten. Je weniger, desto besser. Wenn aber alles nur noch Kraft kostet und du dauerhaft gegen dich arbeitest, ist das vermutlich kein normales Motivationstief mehr.
3. Wann ist eine Kündigung sinnvoll?
Wenn deine Gesundheit leidet, deine Werte dauerhaft verletzt werden oder sich trotz klarer Gespräche nichts verändert. Prüfe vorher ehrlich, was an der Situation liegt und was dein eigener Anteil daran ist. Welches eigene Muster würdest du möglicherweise in den nächsten Job mitnehmen?
4. Wie finde ich heraus, welches Arbeitspensum zu mir passt?
Hör auf, dein Pensum an anderen zu messen. Beobachte stattdessen deine Energie statt nur deine Arbeitsstunden. Welche Aufgaben fallen dir leicht, wann sinkt deine Konzentration und wie lange brauchst du zur Erholung? Dein passendes Pensum kann sich zudem mit deiner Lebenssituation ändern.
5. Was kann ich tun, wenn ich nur noch auf den Feierabend warte?
Nimm dieses Gefühl ernst. Triff aber nicht sofort eine radikale Entscheidung. Prüfe zunächst, was dich konkret belastet (Arbeitszeit, Aufgaben, Umfeld, fehlende Grenzen, eigene Erwartungen…). Erst wenn du das Problem wirklich benennen kannst, wirst du eine passende Entscheidung treffen können.